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Tipp Der Redaktion - 2019

Der Anfang vom Ende

Der Medienkritiker Michael Wolff hat ein langes und verstörendes Stück über den körperlichen und seelischen Niedergang seiner 86-jährigen Mutter geschrieben. Wie viele Menschen in ihrem Alter kann Frau Wolff nicht mehr sprechen, gehen oder für sich selbst sorgen. Sie lebt allein in einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Manhattan. Dafür zahlen ihre Pflegeversicherung und ihre Familie monatlich 17.000 US-Dollar. Ihre Tochter besucht die Autorin täglich einige Male in der Woche. Frau Wolff hat auch einen anderen Sohn, der in Maui lebt und sie anscheinend selten sieht.

Unter diesen Umständen gesteht Wolff offen, dass er wünscht, seine Mutter würde eher früher als später sterben. Genauer gesagt, er wünscht sich einen „fairen Körper, an den ich mich für das Ende meiner Mutter wenden kann“. Death Panels gibt es natürlich nicht. So stehen Wolff und seine Familie vor einem qualvollen Warten, da Frau Wolffs Funktionen so „depressiv“ sind, dass sie in die Palliativversorgung versetzt werden können. Das kann Wochen, Monate oder Jahre dauern.

Das Stück hat Kritik erregt. EhemaligeTAC MitherausgeberMichael Brendan Dougherty twittert, dass Wolffs meint, „seiner kranken alten Mutter sollte geholfen werden, weil sie krank und alt ist.“ Ich nehme an, das ist buchstäblich wahr. Aber es geht auch völlig daneben.

Wolffs Hauptargument ist nicht, dass er wünscht, jemand würde seine Mutter von den Händen nehmen. Es ist, dass die moderne Medizin einen beispiellosen Zustand geschaffen hat, in dem sonst gesunde Menschen könnenerwarten von langfristige Unfähigkeit zu erleben. Es gab immer Menschen im Koma, die an einer degenerativen Krankheit litten oder einfach im Sterben lagen. Neu ist, dass Situationen wie die von Frau Wolff so vorhersehbar geworden sind und so lange anhalten. Eine weitere große Veränderung ist die physische Zerstreuung von Familien. Obwohl die meisten Wolffs nahe genug leben, um ihre Mutter regelmäßig zu sehen, scheint keiner ein Haus zu haben, das groß genug ist, um sie aufzunehmen. Schließlich sind die Kosten enorm. Zusätzlich zu den Beiträgen ihrer Familie und der Versicherung hat Frau Wolffs Fürsorge Medicare und damit die Steuerzahler fast 500.000 US-Dollar gekostet.

Man könnte argumentieren, dass diese Überlegungen moralisch irrelevant sind: So unangenehm oder unbequem es auch sein mag, wir sollten kein unschuldiges Leben zerstören. Das ist die römisch-katholische Perspektive und mit gewissen Anpassungen die orthodoxe jüdische. Es wird auch von einigen säkularen Ethikern geteilt, insbesondere von denen, die sich Sorgen über rutschige Abhänge vom assistierten Selbstmord bis zum medizinischen Mord machen.

Andererseits ist das Ideal, das Leben so weit wie möglich zu verlängern, nicht biblischen Ursprungs. Sie wurzelt vielmehr in der Eroberung der Natur, die von Bacon und Descartes theoretisiert wurde. Nach der Bibel ist der Tod ein zentraler Bestandteil der menschlichen Verfassung - ein Schicksal, das nicht beschleunigt werden sollte, dem aber auch nicht entgangen werden darf. Laut den Gründern des modernen Projekts ist es ein Problem, das durch Technologie gelöst werden muss, die unendlich verbesserungsfähig sein soll.

Das Problem ist also nicht, dass die theologisch begründete Achtung vor dem Leben und der moderne Utilitarismus in entgegengesetzte Richtungen weisen. Es ist so, dass sie in einem medizinisch-bürokratischen Kult zusammengefasst wurden, in dem die Achtung vor dem Leben von der Erkenntnis getrennt wurde, dass es irgendwann enden muss und sollte. Obwohl er es nicht so ausdrückt, ist dieser Kult das eigentliche Ziel von Wolff. Es ist auch der Knoten, den wir alle auflösen müssen, da die Zahl der sehr alten Amerikaner bis 2050 auf fast 20 Millionen ansteigt.

Schau das Video: Der Anfang vom Ende (Dezember 2019).

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